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Berufung – was ist das?



Das Thema Berufung oder auch Lebensaufgabe ist heute aktueller denn je zuvor. Sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld habe ich in den letzten Jahren eine signifikante Zunahme an „Berufungssuchenden“ wahrgenommen. Und die Zahl ist nach wie vor im Steigen begriffen.


Berufung hat immer auch etwas mit Sinn zu tun. Genauer: die Suche nach der Lebensaufgabe entspringt immer auch dem Wunsch nach Sinn und sinnvollem Handeln. Wir möchten etwas bewirken, im Kleinen oder im Großen. Ich möchte hier auf meine eigenen Erfahrungen eingehen, die ich diesbezüglich machen konnte oder bei Kunden und Kundinnen, die ich begleiten durfte, gemacht habe.


Vom Untergraben der eigenen Bedürfnisse


Gerade in schwierigen Phasen des (nicht nur Berufs-) Lebens tritt die Sinnfrage verstärkt auf. Warum ist das so?


Nehmen wir als Beispiel einen Menschen, der sich in seinem Job über die Maßen verausgabt, jedoch wenig zurückbekommt, nicht wertschätzend behandelt wird und gerade genug Geld verdient um über die Runden zu kommen. Hier ist ganz klar, dass diese Person den Sinn der eigenen Arbeit zu Recht hinterfragt.


Was ist aber mit einem anderen Menschen, der sehr gut verdient und noch dazu in einem angenehmen Umfeld arbeitet, den aber seine Tätigkeit an sich unverhältnismäßig viel Kraft kostet und nicht erfüllt? Letzterer wird wahrscheinlich sehr lange über die eigenen Grenzen hinaus gehen, weil ihm ein Aufgeben als unklug erscheint. Die Arbeit bringt ja schließlich so viele angenehme Dinge mit sich – fast alles… nur keine Erfüllung. Das ist eine äußerst heikle Situation, weil gerade diese Menschen extrem gefährdet sind, auszubrennen.


Grundsätzlich ist es so, dass viele Faktoren erfüllt sein müssen, um ein rundum glückliches, zufriedenes Leben zu führen. Im Beruf bedeutet das zum Beispiel, dass das menschliche Umfeld angenehm sein sollte, aber auch, dass die Entlohnung angemessen ausfällt und die Tätigkeit den eigenen Vorlieben und Fähigkeiten entspricht. Wenn, wie im letzten Beispiel beschrieben, alles passt, nur die Tätigkeit selber nicht, wird ein ganz wesentlicher Wunsch, ein wichtiges menschliches Bedürfnis unterdrückt. Das Bedürfnis, sich selbst auszudrücken, die eigenen Fähigkeiten zu leben und Potenziale vollständig zu entfalten.


Wenn dieser Wunsch konsequent ignoriert wird – und mit unnatürlich langem Verharren in der Gewohnheitszone untergraben wir diesen Wunsch fast immer selber – entstehen Unzufriedenheit, Gereiztheit, diverse Verstimmungen oder Lethargie, um nur einige zu nennen. Wenn wir unser Potenzial nicht entfalten und das Bedürfnis nach Ausdruck zu lange unterdrücken, können später auch Zustände von Krankheit und ernsthaften psychischen Problemen entstehen. Während das Vertrauen in die eigene Kraft mehr und mehr schwindet, steigt die Zahl an psychischen Erkrankungen weltweit kontinuierlich an. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit liegt daher darin, Menschen für diese Entwicklung zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, dass es sehr wohl andere Wege gibt, als die duldenden und letztendlich unbefriedigenden.


Der Weg zur Berufung


Der erste Schritt auf dem Weg ist die klare Entscheidung für die eigene Berufung. Und eine Entscheidung für etwas ist auch gleichzeitig immer die Entscheidung gegen etwas anderes. Daher ist auch die Erkenntnis, sich einer anderen, destruktiven Situation zu entziehen, von großer Bedeutung. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um die aktuelle Arbeitsstelle. Diese Erkenntnis muss aber nicht heißen, sofort alles hinzuschmeißen und einen radikalen Schnitt zu machen. Vor allem dann nicht, wenn man noch keinen Plan davon hat, welcher Berufung man überhaupt nachgehen soll.


Grundsätzlich gibt es mehrere Möglichkeiten, hinter das Geheimnis der eigenen Lebensaufgabe zu kommen. Manche Menschen wissen schon sehr früh in ihrem Leben, was sie machen möchten und widmen tatsächlich ihr ganzes Leben dieser Sache. Andere kommen mehr oder weniger zufällig darauf, wenn sie einen beliebigen Job annehmen und dann merken, dass es eigentlich genau das ist, was sie machen möchten. Leider haben jedoch nicht alle dieses Glück.


Ich habe sehr häufig mit Menschen zu tun, deren Weg dorthin etwas komplizierter verläuft und manchmal recht steinig sein kann. Die vorhin schon erwähnten Zwickmühlen treten häufig bei diesen Menschen auf. Die Folge ist ein oft langer Prozess, des Suchens, Ausprobierens, Erkennens und irgendwann auch Findens. Dieser Prozess läuft meist in Stufen oder Phasen ab, welche unterschiedlich anspruchsvoll sein können. Um wirklich ans Ziel zu kommen, ist konsequentes Dranbleiben wichtig, und auch der unumstößliche Wunsch, den eigenen Weg zu gehen. Hier kann es mitunter sehr hilfreich sein, professionelle Unterstützung und Begleitung an seiner Seite zu haben.


Für immer und ewig?


Viele meinen, dass es nur „die eine“ Berufung für jeden Menschen gäbe. Für mich ist Berufung jedoch nichts Statisches, das sich, wenn man es einmal gefunden hat, bis ans Lebensende nicht verändert. Gerade weil sich Veränderungen in der Welt immer schneller manifestieren, sind wir ständig dazu aufgefordert, mit ihnen umzugehen. Das macht etwas mit uns. Und es bedeutet, dass wir Menschen kontinuierlichen Veränderungsprozessen nicht nur ausgesetzt sondern auch selbst unterworfen sind. Unsere Persönlichkeit, unser Wesen ändert sich ganz natürlich und „von selbst“, wenn wir danach streben, uns zu entwickeln. Oder, besser gesagt, wenn wir uns nicht gegen den natürlichen Entwicklungsweg wehren.


Selbst wenn sich der Inhalt unserer Berufung dabei durchaus konstant im selben Themenfeld bewegen kann, werden sich unterschiedliche Faktoren innerhalb dieses Bereichs immer wieder ändern und neu ordnen. Dabei kann es sich beispielsweise um Rahmenbedingungen, Arbeitsabläufe oder auch persönliche Beziehungen handeln. Manchmal sind aber auch größere Kurskorrekturen notwendig, zum Beispiel wenn man merkt, dass man der eigenen Berufung entwachsen ist und sich etwas ganz Neues formen will. Genau dieser Punkt ist ein sehr Wesentlicher. Er führt mir immer wieder vor Augen, wie wichtig es ist, mit Veränderungen sehr bewusst umzugehen und diese manchmal auch aktiv anzugehen. Sich den eigenen Weg immer wieder anzuschauen, zu reflektieren und zu fragen, ob der Kurs noch stimmt, ist essentiell um uns natürlichen und wichtigen Veränderungsprozessen leichter zu öffnen. Oft kann ein Blick von außen dabei sehr hilfreich sein.